Kunst im Öffentlichen Raum Projekt der Stadt Oldenburg 15.06 - 15.08.2026
Mit meinem Projekt in Kooperation mit der Stadt Oldenburg lade ich zu einer Begegnung mit sieben lebensgroßen Figuren aus recyceltem Baustahl im
Stadtraum Oldenburg ein. Die Figuren zeigen menschliche Gesten des Innehaltens, des Wartens und des Nachdenkens – stille Spiegel unserer Gegenwart zwischen digitaler Dauerverfügbarkeit und realer
Präsenz.
In begleitenden Stadtspaziergängen und Workshops öffne ich Räume für Wahrnehmung, Austausch und Selbstreflexion. Die Teilnehmenden sind eingeladen, ihre eigene
Beziehung zu Stadt, Zeit und digitalem Leben zu erkunden. So entsteht ein künstlerischer Dialog zwischen Mensch, Stadt und Gesellschaft im Zeitalter des Anthropozän.
Die menschliche Figur war in meiner bisherigen künstlerischen Arbeit nie das eigentliche plastische Motiv. Im Zentrum stand vielmehr das „Vegetabile“ der Natur –
Wachstum, Verzweigung, Transformation und die abstrakten Formkräfte des Lebendigen. Doch im Anthropozän ist der Mensch nicht mehr aus Landschaft und Natur herauszudenken. Er prägt, überformt und
durchdringt sie. So treten in dieser Arbeit erstmals Avatare als Stellvertreter unserer Zeit in Erscheinung. Ich füge mich dieser Realität des Anthropozäns und lasse die Figuren sprechen.
Kunst besteht für mich aus Beobachtung. Die sieben in Oldenburg gezeigten Metallplastiken „Avatare“ sind der Versuch, eine Beobachtung sichtbar zu machen und mit
anderen zu teilen.
Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung einer wiederkehrenden Körperhaltung im öffentlichen Raum. Menschen sitzen, gehen, warten, liegen, begleiten Kinder
oder führen Hunde aus, aber sie richten ihre Aufmerksamkeit auf ein Ding in ihrer Hand. Sie sind nicht präsent, sie sind offensichtlich in einem anderen Space – dem digitalen Raum. Wir wissen
nicht, was, wer und warum sie gerade dort sind. Diese Menschen sitzen auch nebeneinander – jeder für sich, vielleicht sogar gemeinsam auf einer Bank.
Bei längerer Betrachtung stellt sich die Frage, ob dies ein Phänomen, ein Syndrom ist, das auch den realen Raum beeinflusst. Verändert dieses Abwenden vom Moment
die Art und Weise, wie wir Orte wahrnehmen? Verändert es Begegnungen? Verändert es Gemeinschaft? Und wenn ja: Welche Auswirkungen hat das? Welche Macht hat diese Entwicklung auf mich
selbst?
Philosophische Debatte: Anthropozän
Der Mensch prägt heute die Erde in einem bisher unbekannten Ausmaß. Gleichzeitig entstehen neue Formen von Kommunikation, künstlicher Intelligenz und digitaler
Vernetzung. Wir befinden uns an einem Ort und sind zugleich woanders. Wir sprechen mit Menschen auf anderen Kontinenten, während wir auf einer Parkbank sitzen.
Diese Beobachtung führt mich immer wieder zu einer einfachen Frage von Begegnung:
Wo sind wir, wenn wir hier sind?
Der Körper befindet sich an einem Ort. Die Aufmerksamkeit befindet sich möglicherweise an einem anderen. Diese Verschiebung istinzwischen alltäglich geworden. Gleichzeitig verändert sie die Art und Weise, wie wir Räume erleben, wie wir einander begegnen und wie wir Gemeinschaft erfahren. Mich
interessiert dabei auch die geologische Debatte, wie eine Gesellschaft analogen Herausforderungen gewachsen ist, als auch die Frage, wie sich der Mensch selbst verändert. Ist diese Geste eine
Erstarrung, eine (Er-)Wartungshaltung? Mich interessiert dabei weniger die Frage, ob diese Entwicklung gut oder schlecht ist. Mich interessiert zunächst die Beobachtung selbst. Vielleicht ist
diese Geste Ausdruck von Ablenkung. Vielleicht ist sie Ausdruck neuer Formen von Kommunikation, Konzentration und Teilhabe. Vielleicht ist sie beides zugleich.
Genau diese Ambivalenz interessiert mich. Das Projekt fragt danach, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf unsere Wahrnehmung von Stadt, Landschaft, Natur und
Gemeinschaft hat. Die Figuren verstehen sich nicht als Antworten, sondern als Beobachtungsangebote. Ich möchte mich also nicht in einer Haltung positionieren, sondern diese als gegeben und in
Kunst festgehalten wissen, um darüber zu sprechen – über positive und negative Auswirkungen, die in der allgemeinen Debatte zunehmend sichtbar werden.
Titel: Avatare und Alphabet Mensch
Die einzelnen Figuren bezeichne ich als Avatare. Sie sind keine Porträts. Sie sind Spiegel. Der Begriff Avatar interessiert mich, weil er etwas beschreibt, das
zwischen verschiedenen Welten existiert. Die Figuren sind menschlich und gleichzeitig nicht ganz menschlich. Sie erlauben die Freiheit, menschliche Züge zu zeigen, ohne konkrete Menschen
darzustellen.
Der Begriff erinnert mich auch an den Film Avatar. Dort werden andere Formen von Existenz und Wahrnehmung denkbar. Auch meine Figuren bewegen sich zwischen Realität
und Projektion. Die Avatare existieren nicht ohne uns. Wir erschaffen sie, wir füttern sie mit Aufmerksamkeit und Informationen. Gleichzeitig spiegeln sie uns zurück.
Die wiederkehrende Handgeste verbindet die Figuren. Sie verweist zunächst auf das Smartphone. Gleichzeitig erinnert sie an ältere Formen der Versenkung. Nam June
Paik stellte einst einen Buddha einem Fernseher gegenüber. Die Frage bleibt aktuell: Worauf richtet sich unsere Aufmerksamkeit?
Die Smartphone-Geste ist deshalb für mich nicht nur ein Zeichen digitaler Kommunikation. Sie verweist auch auf ein menschliches Bedürfnis nach Versenkung. Die
Haltung des Blicks in die Hand kann als Ablenkung gelesen werden. Sie kann aber ebenso als Konzentration, Rückzug oder Suche nach Orientierung verstanden werden.
Ist die digitale Versenkung nur Ablenkung oder auch eine neue Form von Konzentration? Gerade diese Unschärfe interessiert mich. Die Figuren sollen keine Bewertung
liefern. Sie sollen einen Raum öffnen, in dem unterschiedliche Lesarten möglich bleiben.
Die sieben Figuren bilden kein abgeschlossenes Alphabet. Sie sind eine Auswahl von Beobachtungen. Es hätten andere Figuren werden können. Weitere könnten
folgen. Wie Buchstaben eines Alphabets stehen sie für einzelne Haltungen und Situationen. Erst im Zusammenspiel entsteht ein größerer Zusammenhang. Das
Alphabet bleibt offen.
In Spaziergängen, Gesprächen, Workshops und im Survey kann dieses Alphabet weitergeschrieben werden. Weitere Gesten, weitere Beobachtungen und weitere Figuren sind
performativ denkbar.
Letztlich kann „Alphabet Mensch“ auch als ein offenes Alphabet der Humanität verstanden werden. Die Figuren fragen danach, welche Haltungen, Formen der
Aufmerksamkeit und des Miteinanders unsere gemeinsame Zukunft prägen.
Stadtraum und Spaziergang
Die Figuren verteilen sich zwischen Stadtmuseum und PFL. Die Standorte ergeben sich aus den Möglichkeiten des Stadtraums, aus Genehmigungen und
Befestigungsmöglichkeiten, aber ebenso aus den Themen der Figuren und ihren Beziehungen untereinander.
Manche Figuren bilden Konstellationen. Avatar I und II können im Zusammenhang eine Geschichte erzählen. Die gehende Mutter mit Kind bildet eine eigene Beziehung.
Das Motiv „Gassi“ – eine Figur und ein Hund und die Liegende teilen den Raum der Wallanlagen. Andere Figuren behaupten sich als Einzelpositionen, wie der Hockende am
Pferdemarkt.
Der Spaziergang verbindet diese Beobachtungen. Die wiederholte Begegnung mit ähnlichen Gesten macht Zusammenhänge sichtbar. Die Stadt wird zum
Beobachtungsraum.
Material und Farbe
Baustahl begleitet meine Arbeit seit vielen Jahren. Besonders interessieren mich gebrauchte und bereits geformte Stähle aus Abbruchsituationen.
Die Figuren werden nicht modelliert. Sie wachsen. Aus erhitztem und gebogenem recyceltem Baustahl entstehen Knochen, Muskeln, Sehnen, Hände, Füße oder Ohren.
Während des Arbeitsprozesses verändert sich die Bedeutung der einzelnen Teile ständig. Die Figuren entstehen aus Linien, Verbindungen, Verdichtungen und Hohlräumen. Die Farbigkeit begleitet meine
Metallarbeiten seit langer Zeit. Orange bildet einen starken Kontrast zum Grün der Umgebung und besitzt die Qualität einer Signalfarbe. Gerade weil die Figuren offen gebaut sind und zwischen den
Stählen Luft bleibt, verbindet die Farbe die einzelnen Arbeiten zu einem Zeichen. Alphabet Mensch schließt lose an meinen Werkzyklus Pflanzenalphabet an. Nicht als Gegenüberstellung von Mensch
und Natur, sondern als Untersuchung von Wachstum, Metamorphose und Formbildung in unterschiedlichen Erscheinungsformen des Lebendigen. Die sieben Avatare sind deshalb weniger Antworten als
Fragen. Sie versuchen eine Beobachtung festzuhalten, die viele Menschen teilen. Kunst besteht für mich aus Beobachtung. Mit Alphabet Mensch versuche ich, diese Beobachtung sichtbar zu machen und
mit anderen zu teilen.
The Alphabet of Humanity (Alphabet Mensch) – Reflection of the Anthropocene presents seven life-sized steel avatars
placed throughout the city of Oldenburg. Exploring themes of attention, presence, and digital connectedness, the sculptures invite reflection on how we perceive ourselves, others, and our
environment in the Anthropocene.
While my earlier work focused on the abstract growth patterns of nature, this project turns toward the human figure as a visible marker of our
influence on landscape and society. The avatars become silent witnesses to a time shaped by digital technologies, mobility, and continuous connectivity. Installed at various locations throughout
the city, the sculptures encourage visitors to reflect on their own patterns of attention and presence. Through walks, conversations, and participation, the project opens a dialogue between
people, place, and society.
Developed in cooperation with the City of Oldenburg as part of its Public Art Programme, the installation transforms familiar urban locations into
spaces for observation and encounter. By bringing the sculptures into everyday life, the project invites unexpected meetings, conversations, and new ways of seeing the city and one
another.
„Neue Blicke auf die Stadt“ - Alphabet Mensch 15.06 - 15.08.2026