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Die Beziehung zwischen Landart, Social Landart und Sozialer Plastik

 

Landart entstand in den sechziger Jahren, als Künstler aus dem Stadt- und Museumsraum in die unberührte Natur zogen um größere Landschaftsräume für  und als Kunst zu nutzen. Doch diese unberührten "Traumorte" wurden zunehmend zu Tabuplätzen. Denn fast jeder Ort auf unserem Planeten ist bereits besetzt: In Industrie- und Landwirtschaftsgebieten, in Siedlungs- und Stadtgebieten, in Energielandschaften und rudimentären Kulturlandschaften oder in Natur- und Schutzgebieten. Der Mensch ist immer ein durchorganisierter Teil davon – oder er ist davon ausgeschlossen. 

 

Social Landart hat daher einen immateriellen und auch empathischen Charakter. Künstlerinnen und Künstler tauchen in die Gebiete ein, um soziokulturelle, ökologische und ökonomische Auswirkungen vor Ort zu erforschen. Meist gibt es ein Problem im Raum. Vielleicht unsichtbar, aber greifbar, vielleicht deutlich sichtbar, aber nicht begreifbar. Natur im Spiegelbild von Mensch und Umwelt. Künstler treffen auf Bauern oder intervenieren in der verstrahlten Zone des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Sie sehen die Umwandlung von Trümmerlandschaften vergangener Bunker, erkunden ein Moor zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft, feiern mit der lokalen Bevölkerung den Wind als wiederholte Aktion an der Küste, indem sie Kunstobjekte mitbringen. Dies sind Beispiele. Erwünscht ist jeweils die Entwicklung als Transformationsprozess mit seinen Bewohnern.

 

Auch die Social Landart hat ihre Wurzeln im Spätwerk von Joseph Beuys (1982-86) und seiner Erweiterung des Kunstbegriffs. Beuys stellte die Frage nach Methoden im Raum und manifestierte die Soziale Plastik als künstlerisches Mittel für ein soziales "Gesamtkunstwerk". Es sollten freie Akademien gegründet werden, auf jeden Fall mit Beteiligung. Künstlerische Methoden, die die Selbstfindung des eigenen kreativen Potenzials für jeden Menschen fördern. Der Künstler setzt sein Charisma ein. Soziale Plastik ist zu einer Therapie der schöpferischen  Heilung geworden. Sie findet Formate der Partizipation, der Lehre, der regenerativen und kreativen Ausbildung. Damit nähert sich der Künstler nun der zerstörten Natur und der gestörten Gemeinschaft.

 

Die Social Landart thematisiert die komplexe Kulturlandschaft, in der wir zusammenleben, die sich in jedem Augenblick veränderlich zeigt und sich zunehmend selbst verzehrt - einschließlich aller darin enthaltenen Lebewesen. Künstlerinnen und Künstler erforschen diese Landschaften mit allen, die Teil davon sind. Social Landart Macher*innen agieren transdisziplinär zwischen Ethnographen und Erfindern oder präsentieren begeisterte Spiegellandschaften und fügen Visionen als Alternativen hinzu. Sie verknüpfen vorhandenes Wissen mit neuem Wissen. Sie werden zu Vermittlern zwischen Mensch und Natur, sie vermitteln Sinneswahrnehmungen im alltäglichen Lebensraum. 

 

"Soziale Plastik" und "Soziale Landart" sind direkt miteinander verbunden, aber man kann zwischen der Arbeit am Menschen und der Arbeit des Menschen im Umgang mit der Umwelt unterscheiden. Das eine kann das andere bedingen. Soziale Landart ist hierbei eine Interventionspraxis, die an Umsetzungsstrategien arbeitet und gemeinsame Erkenntnisse einfordert. Die Soziale Plastik bewirkt zunächst einmal die Selbsterkenntnis, auch in sich selbst etwas zu verändern, und das Veränderungspotential kann sich in der Social Landart weiterentwickeln. Einmal sieht man sich selbst im Spiegel und einmal die gespiegelte Umwelt selbst. Deshalb ist Social Landart auch eine kollektive Angelegenheit. Die Social Landart fordert uns heraus, sie zu entwickeln und neu zu nutzen. 

 

INSA WINKLER 2020